Das Internet braucht alternative Finanzierungsmodelle.

Mit der Zeit wird immer klarer: Im Internet verdient man am erfolgreichsten mit Werbung Geld (oder mit Verarsche). Es gibt als Geschäftsmodelle daneben noch Webshops und vereinzelt Portale mit kostenpflichtigen Mitgliedschaften (XING, Single-Börsen), ein Provisions-Modell (Groupon, Vergleichsportale) aber sonst? Google verdient sein Geld mit Werbung, Facebook verdient sein Geld mit Werbung, Bild-Online, Spiegel-Online, Stern-Online: Werbung!

Generell werden wir in unserem Alltag mit Werbung überflutet: Im Fernsehen, an der Bushaltestelle, in der U-Bahn, im Radio und besonders im Web. Webseiten werden mehr und mehr mit immer aufdringlicherer Werbung zugekleistert. Die Nutzer bekommen nervöse Zuckungen ausgelöst von zu vielen blinkenden Bannern. Immer öfter wird einem beim Laden der Seite ein hektisch "klick-mich" blinkendes Vollbild-Flash-Banner präsentiert, bei dem es unmöglich ist den "Schließen"-Button zu finden. Das regt mich auf! Für den Content-Geber wird der Content-Nehmer mehr und mehr zum Klick-Knecht, zum Konsum-Affen, der nur etwas wert ist, wenn er Geld einbringt.

Jeff Attwood hat auf CodingHorror mehrere interessante Texte zum Thema Werbung im Internet geschrieben, vor allem darüber, wie man als Blogger  Werbung macht, ohne Nutzer zu vertreiben. Besonders zu empfehlen ist "A World of Endless Advertisements" (Eine deutsche Übersetzung gib es hier).  In diesem Post bin ich auch auf den brillanten Screenshot einer Szene aus dem Film "Idiocracy" gestoßen. Der Film spielt in einer Zukunft, in der die Menschheit weitestgehend komplett verblödet ist. Medienkonsum sieht hier so aus:

Filmszene aus "Idiocracy"

Idiocracy spielt im Jahr 2506, das Web ist schon heute so weit.

Nehmen wir zum Beispiel die Seite wetter.com : Hier wird zirka ein Drittel der sichtbaren Fläche von Werbung eingenommen, davon ist wiederum ein Großteil animiert (ein freundlicheres Wort für "aufdringlich blinkend"). Ich persönlich kann das nicht länger als 20 Sekunden anschauen. Es gibt zu viele Flächen die nach Aufmerksamkeit SCHREIEN! Zu viele Angebote, die "Klick-Mich" SCHREIEN, die mir sagen was ich kaufen könnte, die ultimative Reizüberflutung.

Rot eingekreiste Bereiche sind blinkende Anzeigen, gelb eingekreiste Bereiche sind nicht-blinkende Anzeigen

Sehr häufig auf kleineren Seiten sind Anzeigen von Google AdSense anzutreffen. Das sind Werbe-Anzeigen von Google, die jeder Webseitenbetreiber in seine Seite einbauen kann. Klickt ein Nutzer auf so eine Anzeige, verdienen sowohl Google als auch der Webseitenbetreiber Geld, je nach Keyword sind das ca.  0,10 bis 10,00 Euro pro Klick.

So sehen Google AdSense Anzeigen aus

Das ist an sich eine feine Sache.  Die Anzeigen blinken nicht. Sie sind im Gegenteil nicht auf den ersten Blick als Werbung zu erkennen. Ich bin mir sicher, dass die Mehrheit der Nutzer AdSense- Links für normalen Content der Seiten hält, obwohl "Google Anzeigen" drunter steht (Aber wer liest schon das Kleingedruckte im Internet?). Das ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum diese Anzeigen so erfolgreich sind. Würden die Nutzer so oft klicken wenn sie wüssten, dass es sich um Werbung handelt?

Nun möchte jeder mit Internet Geld verdienen und schnell reich werden, so wie Mark Zuckerberg, das geht am einfachsten mit Google-Werbung. Die Effekte, die der Ganze Werbe-Wahnsinn und AdSense-Terror (um die Sprache von BILD-Schlagzeilen zu benutzen) ist für den Endnutzer hat, sind leider unschön:

  1. Blogger kleistern Ihre Seiten gnadenlos mit Ads zuRot eingekreiste Bereiche sind Anzeigen
  2. Viele Seiten im Netz bestehen aus Pseudo-Content und vielen Anzeigen, das funktioniert so: Man sichert sich eine Domain, die Häufig gesuchte Keywords enthält, platziert dort ein wenig aus dem Web oder Büchern kopierten Inhalt rein, optmiert das Ganze für Suchmaschinen und kleistert es dann mit Ads zu. Die Ads noch schnell farblich an alle anderen Links der Seite anpassen und fertig ist die Gelddruckmaschine. Ein paar Beispiele: www.erkaeltungstips.de, rueckenschmerzenhilfe.com, www.medizinfo.de . Rot eingekreiste Bereiche sind Anzeigen
  3. Oder Seiten, die einfach nur noch lächerlich sind, wie z.B: webnews.de (Powered by Lokalisten - traurig), hier sieht eine Content-Seite so aus:
    Blau eingekreiste Bereiche sind keine Anzeigen

Was ich nicht verstehe: Kann eine Firma die in Geld schwimmt wie Google, nicht einfach bessere Qualitätskontrollen einführAuch Kapitän Haddok ärgert sich über zu viel Werbung im Interneten für Seiten, die AdSense schalten? Ein bestimmtes Verhältnis zwischen Werbung und Inhalt zum Beispiel? Oder könnte man diese Spammer nicht wenigstens in den Suchergebnissen weiter unten anzeigen? Sie liefern ja mehr Werbung als Content.

Das Problem dabei ist nur: Google verdient einen großen Haufen Geld mit AdSense, im Jahr 2006 zirka 3 Milliarden Euro, die Hälfte des gesamten Umsatzes, heute mit Sicherheit bedeutend mehr. (Siehe Interview mit Stefan Keuchel, Pressesprecher von Google Deutschland). Die würden sicherlich nicht mehr so im Geld schwimmen, wenn sie den Werbe-Wahnsinn eindämmen.

Natürlich ist mir klar, dass die Aussage "Werbung macht das Web kaputt" Unfug ist. Es ist umgekehrt: Ohne Werbung gäbe es 90 % des Internets nicht, es gäbe kein Google und kein Facebook und kein Spiegel Online. Es ist alles eine Frage der Heftigkeit. Das Problem ist, das die Menschen zu gierig sind und Seiten mit unverhältnismäßig viel und aufdringlicher Werbung voll müllen. Es geht halt nur ums GEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEEELD und nicht darum, guten Content zu liefern.

Als das Internet gerade neu und ich noch jung war, habe ich mich gefragt, wie eigentlich Betreiber von Webseiten Geld verdienen. Meine erste Vermutung war, dass eine zentrale Instanz aus einem Topf alle Internetseiten der Welt anteilig an ihren Besucherzahlen eine Summe ausbezahlt.

Also angenommen das Internet hätte ein Budget von 10 Milliarden Euro und 50% des gesamten Internet Traffics würde auf Google verfallen, so bekäme Google am Ende des Jahres 5 Milliarden Euro. Wenn ein Blog gleichzeitig  ein Milliardstel des weltweiten Internet-Verkehrs auf sich zöge, bekäme sein Betreiber am Ende des Jahres 10 Euro ausgezahlt.

Sozialistisches Modell für die Finanzierung des Internets: Alle Nationen zahlen entsprechend ihres Anteil am Welt-Internetverkehr in ein jährliches "Internet Budget" ein. Alle Webseiten bekommen aus diesem Budget ihren prozentualen Anteil am Welt-Internetverkehr ausbezahlt.

Nein, das würde natürlich auch nicht klappen. Leute würden Klick-Paviane dressieren, die auf Ihren Webseiten surfen um Traffic zu generieren.

Wir werden wohl weiter mit Werbung leben müssen.

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