Aus dem "Leitfaden zur Vermeidung von Fehlern in der Flüchtlingsarbeit". Vortrag von Jochen Froelich.

Moin miteinander!

Kolleginnen und Kollegen, wir reden nicht über Flüchtlingsarbeit, wir machen sie. Wer was tut, macht Fehler. Fehler in der Flüchtlingsarbeit können schwerwiegende Folgen haben. Wir sollten sie deshalb nach Möglichkeit vermeiden.

In meinem Deutschkurs mit syrischen Flüchtlingen – Syrer sind ja tatsächlich alle Flüchtlinge und bekommen bei uns Asyl – suchte ich eine Antwort auf die Frage: Wie integriere ich durch Sprache? Na klar, ich lasse ein paar schöne, einfache Gedichte aus dem reichen Schatz der Poesie auswendig lernen! Was kann es Schöneres und Unschuldigeres geben?

Ich ging im Walde so für mich hin
und nichts zu finden war mein Sinn...


Aber Gedichte können sich nicht wehren. Empörung schwappt wütend durchs Land. Nichts ist davor sicher, Kolleginnen und Kollegen.

In der Außenstelle der Volkshochschule, wo ich meinen Kurs durchführte, lagen neulich vor Unterrichtsbeginn auf jedem Tisch plötzlich Blätter. Auf meinem war oben, über einem Text, etwas hingeschmiert:

Ab sofort wird deutsch unterrichtet! Mit allen Mitteln! Deutschland den Deutschen!

Hä? So'n Quatsch! Schottland den Schotten! Vive la France! Forza Italia! Mit allen Mitteln unterrichten und deutsch? Das mache ich doch! Natürlich unterrichte ich Deutsch auf deutsch!

Manchmal lasse ich mir für die Asylbewerber sogar Mittel einfallen, die ich noch gar nicht kannte!

Schleichen sich hier nachts Bekloppte ein? Soll die Volkshochschule unterwandert werden? Jetzt kommt's:

Gerettet watet der Flüchtling an Land,
Liegt müde nun am Nordseestrand,
Entkräftet bedenkt er seine Lage:
Was waren das doch für beschissene Tage!


Armer Eduard Mörike! Wie kann man sich nur so an der Dichtkunst vergehen! Das ist erst der Anfang. Schlimmer geht's immer:

Vom Eise befreit ist die Balkanroute
Durch des Flüchtlings hoffenden, suchenden Blick:
Da vorne liegt Bayern! Was für ein Glück!
Nun jubelt der Muslim, ob groß oder klein:
Hier sind wir willkommen, hier dürfen wir rein!


Altmeister Goethe verhunzen und für völkische Stimmungsmache missbrauchen! Der Scheiß ist heiß:

Wer rennt da so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Flüchtling mit seinem Kind.
Durch Österreich er den Weg nicht find't!
"Wo ist der Zaun! Wo ist die Tür?
Warum kommt mir alles so düster hier für?"
Endlich in Bayern mit Müh' und Not,
In seinen Armen / das Kind kaut Brot.

Der Vater ist glücklich, doch seine Füße sind nass...


Zornig rief ich, noch war ja keiner da: Aufhören! Es reicht!

Gedichte habe ich vorläufig aus meinem Unterricht mit den Asylbewerbern gestrichen. Wenn die Wirklichkeit die Poesie überholt ?!

Frühling lässt sein braunes Band wieder flattern durch die Lüfte...

Da hilft, denke ich, vorübergehend nur noch Alltagsprosa:

Der Fährverkehr nach Norderney ist heute eingestellt. Sturmflutwarnung! Kolleginnen und Kollegen, wir gehen stürmischen Zeiten entgegen. Aber wir lassen den Mut nicht sinken.
Wir lassen uns was einfallen! Garantiert!

Danke für die Aufmerksamkeit!

© Jochen Froelich, 06-16

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